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Vera Immitzer

Vera Immitzer: „Für ein grünes Österreich müssen die Schraubenzieher richtig glühen!“

Vera Immitzer

Alle Zeichen stehen auf Grün: Die Photovoltaik befindet sich in Österreich gerade auf einem sonnigen Siegeszug. Aber führt uns die neu gewonnene Beliebtheit auch wirklich in eine grüne Zukunft? Wir haben bei Sonnenexpertin DI Vera Immitzer einmal genauer nachgefragt.

Man muss absolut kein*e Stromexpert*in wie Vera Immitzer sein, um über die neuesten Erkenntnisse rund um Ökostrom und Co. Bescheid zu wissen. Die Zeit der fossilen Energieträger ist eindeutig abgelaufen, jene der erneuerbaren fängt gerade so richtig an. Der Umwelt zuliebe steigen demnach immer mehr Menschen in Österreich auf die Stromgewinnung mittels sauberer Technologien um. Derzeit ganz besonders beliebt: die Solarenergie.

Doch was für manche Menschen bloß ein kurzzeitiger Trend ist, begleitet eine Österreicherin bereits eine ziemlich lange Zeit: Vera Immitzer ist schon seit ihrer Studienzeit hellauf begeistert von den Themen Umwelt und Nachhaltigkeit. Also eigentlich kaum eine Überraschung, dass sie sich nach ihrer Studienzeit ganz schnell für die strahlende Welt der Sonnenenergie begeisterte. So kommt es, dass sie seit 2019 als Geschäftsführerin des Bundesverbands Photovoltaic Austria – kurz PVA – tätig ist. Und das mit voller Energie.

Schließlich muss für die Erreichung der beschlossenen Klimaziele noch einiges passieren. Und selbst für den großen Hoffnungsträger Sonnenstrom gibt es noch den ein oder anderen Stein aus dem Weg zu räumen. Gemeinsam mit PV-Expertin Vera Immitzer durchleuchten wir die aktuellen Ereignisse der Sonnenwelt.

Wir befinden uns ja gerade in einer nationalen Krise. Der Photovoltaik scheint es aber nicht allzu schlecht zu gehen. Wie ist die steile Entwicklung der PV in Österreich zu erklären?

Vera Immitzer: Vor ungefähr eineinhalb Jahren ist ein ziemlicher PV-Boom ausgebrochen. Einerseits hängt dieser Aufschwung mit den langjährigen Entwicklungen zusammen, andererseits aber sicherlich auch mit der österreichischen Regierung und deren Ziel, 100 % erneuerbaren Strom vorweisen zu können und in den nächsten Jahren elf Gigawatt PV zuzubauen. Das ist schon eine immense Ansage. Denn im Vergleich dazu haben wir jetzt jährlich nur 0,2 Gigawatt zugebaut. Rechnerisch kann sich das mit diesem Tempo also nicht ganz ausgehen. Wir werden zukünftig jeden Handwerker und jede Handwerkerin benötigen – hier sind wir dringend auf der Suche. Für ein grünes Österreich müssen die Schraubenzieher richtig glühen. Aber: Was dem Ganzen noch einen zusätzlichen Aufschwung verleiht, ist das Erneuerbaren-Ausbau-Gesetz. Der Entwurf dazu wurde kürzlich präsentiert; das Gesetz soll im nächsten Jahr in Kraft treten und der solaren Bewegung und dem Ausbau Unterstützung leisten.

Aber was müsste dieses Gesetz beinhalten, um die solare Zukunft wirklich absichern zu können?

Vera Immitzer: Meine Meinung ist, dass die PV anders ist als die anderen Technologien. Bei der Wind- und Wasserkraft hast du ein einziges System, und das wird dann schließlich umgesetzt. Bei der PV hat man so vielfältige Anwendungsmöglichkeiten: die Kleinen, die Großen, die Privaten, die Investoren, die Gebäude, die Freiflächen, die Carports, die Lärmschutzwände usw. Und für diese verschiedenen Anwendungen braucht man einen guten Anlagenmix, damit es auch funktioniert. Und das ist die Herausforderung im Erneuerbaren Ausbau Gesetz, kurz EAG: dass diese ganze Palette abgedeckt wird. Denn jede Anwendung muss anders gestärkt werden. Man muss die großen Anlagen anders unterstützen als die kleinen Anlagen, die Freiflächenanlagen anders als die Carports. Das sind ja andere Finanzierungskosten, andere Betreibermodelle. Auf die muss man im EAG Rücksicht nehmen, und ich hoffe, dass dies auch geschieht (siehe auch Interview mit Professor Hubert Fechner).

Ein ganz großes Thema in Hinblick auf diese unterschiedlichen Anforderungen der Anlagen ist die Frage rund um die Genehmigungen. Was muss genehmigungsmäßig bei kleineren und größeren Anlagen passieren?

Vera Immitzer: Die Genehmigungen variieren von Bundesland zu Bundesland und natürlich mit der Anlagengröße. Am Gebäude braucht es eine Anzeige bei oder eine Genehmigung von der Baubehörde – oder eben gar nichts. Hinzu kann eine elektrizitätsrechtliche Genehmigung kommen, und wenn die Anlage auf Grünland errichtet wird, braucht es eine Flächenwidmung. Bei den Gebäuden, bei den Industriedächern und bei den KMU-Dächern haben wir folgendes Problem: Viele Dächer erfüllen die Statikanforderungen einfach nicht und können demnach die PV-Last nicht tragen. Das sind unter Anführungszeichen ältere Dächer. In den 2000er-Jahren ist eine Norm verschärft worden, die vorgibt, dass das Dach ausreichend Gewicht tragen können muss, im Falle von viel Schnee. Platz für eine PV-Anlage ist dann nicht mehr. Grund für die Anpassung der Norm war unter anderem der Einbruch einer Eishalle in Deutschland wegen Schneefalls. Aber eine neue Arbeitsgruppe hat das Problem aufgegriffen und sorgt dafür, dass die neuen Hallendächer mit mehr Tragfähigkeit kalkuliert und gebaut werden müssen. Auch bei den Freiflächen ist es das Thema Widmung bzw. Umwidmung ein ganz spezielles.

In Sachen Bauordnung gibt’s offenbar Unterschiede hinsichtlich der Bundesländer. Im Burgenland ist die Sache besonders speziell, oder?

Vera Immitzer: Ja, es gibt tatsächlich sehr PV-freundliche Bundesländer. Dort sind die Bauordnungen sehr fortgeschritten. Oberösterreich oder Vorarlberg zählen zum Beispiel dazu. Wien ist das erste Bundesland, das sogar eine PV-Verpflichtung eingeführt hat. Das hätten wir auch schon für andere Bundesländer vorgesehen. Aber denen ist diese Sache doch zu ungewiss – und eben Neuland. Und das Burgenland hat kürzlich überhaupt verkündet, einen eigenen und aus unserer Sicht komplett falschen Weg einzuschlagen. Im Burgenland ist angedacht, dass Freiflächen nur noch durch das Land bzw. einer 100 % Tochterfirma umgesetzt werden dürfen. Den Ausbau der PV-Anlagen in der Freifläche nur einem Unternehmen zu überlassen wirft das Bundesland unglaublich weit zurück. Jeglicher private Anlagenbetreiber sowie Energiegemeinschaften werden damit ausgeschlossen. Das bedeutet, effiziente Standorte bleiben ungenutzt, effizienter Wettbewerb wird aktiv unterbunden und Wirtschafts- sowie Arbeitsmarktchancen gehen verloren. Diese Ankündigungen aus dem Land der Sonne sind von der Politik jedenfalls noch einmal genauer durchzudenken!

Aber woran liegt Dieses Schlamassel? Schließlich haben wir ziemlich ehrgeizige Klimaziele zu erreichen.

Vera Immitzer: Jedes Bundesland hat also so seine ganz eigenen Spezifikationen. Beispielswiese Oberösterreich: Hier ist es nur mit ganz besonderen Auflagen möglich, PV-Anlagen in der Fläche zu errichten, denn sie hätten genug Dächer zur Verfügung, und die sollen zuerst genutzt werden. Auch Niederösterreich möchte den PV-Ausbau in der Freifläche regeln und Zonen ausweisen, in denen – und nur in denen – die Anlagen gebaut werden können. Bis die Zonen bekannt sind, vergehen zwei Jahre! Das bremst den Ausbau schon sehr stark ab. Unter den aktuellen Bedingungen wird das mit den Dächern alleine aber nicht gelingen. Das Jahr 2050 muss man schon auch mitdenken. Der PV-Zubau ist bis dahin doppelt so hoch. Das ist auch eine Challenge. Eigentlich ist der Abschnitt von jetzt bis 2030 kurz im Vergleich zur Zeitspanne von 2030 bis 2050. In Tirol oder Vorarlberg ist es klar: Da werden kaum Megawattprojekte in der Freifläche entstehen, denn da ist das Bauland viel zu wertvoll. In diesen Bundesländern muss man schauen, wie Gesetze PV-fitter werden und man die PV-Anlagen auf die Dächer bringt.

Sieht so die Solarzukunft der Städte aus?

Vera Immitzer: Ja, genau. Zum Beispiel eben mit der schon erwähnten PV-Verpflichtung. Und auch Folgendes möchte ich als PVA (Photovoltaik Austria) in Zukunft ändern: Jeder neue Parkplatz soll mit einer PV-Anlage ausgestattet werden. Es kann nicht sein, dass eine Fläche für Autos versiegelt wird und dann darauf keine PV-Anlage installiert wird. Und dass gerade jetzt, wo es immer mehr E-Autos gibt – das ist eine super Kombinationsmöglichkeit: dass ich den Strom darüber produziere und darunter dann tanke. Man muss einfach die versiegelten Flächen viel mehr nutzen.

Ein ganz interessantes Thema ist dabei auch die Frage rund um die Stromkapazitäten. Mit welchen Hürden muss man beim Bau einer Photovoltaikanlage rechnen?

Vera Immitzer: Na ja, wenn man größere Projekte ans Stromnetz anschließen möchte, braucht es die entsprechende Netzkapazität dazu. Die Netzbetreiber haben dabei natürlich schon die Verpflichtung, das Netz auszubauen. Wenn ein Netzbetreiber aber sagt, er kann einen Ausbau nicht finanzieren, dann ist eine gemeinsame Lösung zu finden.

Und welche wäre das?

Vera Immitzer: Da gibt es dann den Kompromissvorschlag. Immer öfter ist es daher so, dass die Projektentwickler*innen, die die Kraftwerke natürlich anschließen möchten, sich an dem Stromnetz finanziell beteiligen müssen. Hier braucht es aber in der Zukunft eine Pauschale, mit der kalkuliert werden kann. Maximal möglich sind 30 Euro pro kW. Das ist ein Beitrag, den wir zahlen könnten.

Was passiert mit Standorten, die schon über ein gutes Netz verfügen?

Vera Immitzer: Es gibt Standorte, wo keine oder nur relativ geringe Netzausbaukosten anfallen. Sei es, weil dort ein Windpark ist und da schon gute Netze vorhanden sind oder weil vor ein paar Jahren dort das Netz ausgebaut worden ist. Die haben wesentlich geringere Netzanschlusskosten, als wenn wer in die grüne Wiese baut. Obwohl Grüne-Wiese-Projekte möglicherweise gut wären, da sie in der unmittelbaren Nähe von einer größeren Stadt sind und dort entsprechende Stromnachfrage ist oder weil dort einfach eine Brachfläche ist, die genutzt werden könnte.

Es sind also diese Netz-Angelegenheiten und die veralteten Gesetze, die den Ausbau der PV verlangsamen?

Vera Immitzer: Ja. Die Länder und deren Politik könnten da schon ein Zeichen setzen. So quasi: Liebes Bundesland, meine Netzbetreiber, baut jetzt bitte das Netz entsprechend aus, sodass wir die PV-Kapazitäten und Wind-Kapazitäten abführen können. Gleichzeitig könnten sie die Gesetze entstauben und PV-fitter machen. Der Bund hat mit dem Erneuerbaren Ausbau Gesetz schon einiges vorgelegt, jetzt sind die Länder an der Reihe, ihren Beitrag zu leisten. Die angepeilte Stromwende wird nur funktionieren, wenn die Länder mitmachen und ihre Gesetze erneuern. Wir haben für jedes Bundesland eine eigene Forderung, weil in jedem Bundesland etwas anderes zu adaptieren ist. Jedes Bundesland hat eine andere Raum- und Bauordnung, und jede einzelne davon ist quasi anzupassen. Es muss mühelos möglich sein, PV-Anlagen, egal ob auf dem Dach oder auf der Freifläche, zu installieren.

Aber wo liegt wirklich das größte Problem? Ist es in der Politik, in der Bevölkerung, in der Meinungsbildung?

Vera Immitzer: Es braucht wirklich eine große Informationskampagne zum Thema Photovoltaik, weil viele Leute einfach nicht wissen, welche Vorteile sie bietet. Aufseiten der Regierung wird sehr viel ermöglicht und unterstützt. Es liegt hier nicht an der Bundespolitik, denn die ist motiviert und will etwas bewirken. Also sehe ich den Ball ganz eindeutig bei der Landespolitik und den Stromnetzbetreibern. Denn wenn es an den Widmungen, an den Netzanschlusskosten, an der Statik, an den Landesgesetzen oder an der Motivation der Leute scheitert, dann helfen uns auch Ziele und Förderungen nicht weiter.

✅ Interview: Johannes Stühlinger, Mitarbeit Sandra Rainer
✅ Fotos: PV AUSTRIA
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